Für den „Kraftpark Nordrevier“ als Starterfläche für den Strukturwandel gibt es viele Interessenten. Einige haben schon detaillierte Planentwürfe eingereicht. Allerdings kann der Netzbetreiber nur den Baustellen-Strom zusagen; die vielen Megawatt, die später für den Betrieb gebraucht werden, kann er nur mit einem Schulterzucken kommentieren.
Auch über dem „Microsoft“-Hyper-Scaler in Wevelinghoven schwebt das gleiche Damokles-Schwert: Ob der benötigte Strom dem US-Riesen wirklich zur Verfügung gestellt werden kann, hängt von vielen „Wenn“ ab. Der dringende Netz-Ausbau (Konverter, Hochspannungsleitungen etc.) ist nach Angaben von „Westnetz“ „auf die Schnelle“ nicht zu schaffen. Dort rechnet man eher mit zehn, 15 Jahren …
In der Darstellung der „Voll- und Teillast in der Braunkohle“ für das Jahr 2025 markiert der „blaue Drops“ in der Mitte die Zeiten, in denen ausreichend Wind und Sonne geerntet werden konnten. Die rote Umrandung zeigt, wann immer die Braunkohle einspringen musste.
Energieversorgungssicherheit sieht anders aus. Insbesondere da die als Ersatz gedachten Gaskraftwerke immer noch nur „angedacht“ werden. Konkrete Planungen – Mangelware. Auch hier gehen Fachleute von um die zehn Jahre aus, bis die an Stelle der Braunkohle in den Dunkelstunden für Strom sorgen können.
Mit Blick auf die gemäß Kohleverstromungsbeendigungsgesetz zum 15. August 2026 vorgesehene Revision des vorgezogenen Braunkohleausstiegs im Rheinischen Revier wandte sich Dr. Martin Mertens als Bürgermeister der Gemeinde Rommerskirchen mit einem Brandbrief an Bundeskanzler Friedrich Merz, an Bundes-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, an Ministerpräsident Hendrik Wüst sowie an die Landes-Wirtschafts-Ministerin Mona Neubaur.
Seine entscheidenden Thesen sind:
- Die gesetzlich vorgesehene Kraftwerksreserve bis 2033 sollte konsequent genutzt werden.
- Auch das Jahr 2033 darf kein starres Enddatum sein.
- Der Netzausbau entscheidet über den Erfolg des Strukturwandels.
- Nordrhein-Westfalen braucht Planungssicherheit statt Symbolpolitik.
Dr. Martin Mertens in seinem Brief: „Die Gemeinde Rommerskirchen unterstützt ausdrücklich die Ziele des Klimaschutzes und den Umbau unseres Energiesystems hin zu einer klimaneutralen Energieversorgung. Wir gestalten den Strukturwandel aktiv mit. Gerade weil wir diesen Wandel mit Überzeugung begleiten, müssen wir jedoch auch offen benennen, wo Risiken bestehen. Verantwortung bedeutet nicht nur, politische Ziele zu formulieren, sondern auch deren praktische Umsetzbarkeit ehrlich zu bewerten.“
Versorgungssicherheit sei nämlich keine abstrakte energiepolitische Größe. Sie entscheide vielmehr darüber, ob Unternehmen investieren, ob Arbeitsplätze entstehen, ob Krankenhäuser, Feuerwehren, Rettungsdienste, Wasserwerke, Schulen und Kindertageseinrichtungen zuverlässig arbeiten können und ob Bürgerinnen und Bürger auch in außergewöhnlichen Belastungssituationen auf eine stabile Energieversorgung vertrauen dürfen.
Dr. Martin Mertens weiter: „Auch das gesetzlich vorgesehene Ende einer möglichen Reserve zum 31. Dezember 2033 darf nicht losgelöst von der tatsächlichen Entwicklung betrachtet werden. Sollte sich in den kommenden Jahren herausstellen, dass die notwendigen Ersatzkapazitäten, Netze, Speicher oder wasserstofffähigen Kraftwerke trotz aller Anstrengungen noch nicht vollständig verfügbar sind, muss der Gesetzgeber bereit sein, die Situation erneut objektiv zu bewerten.“
Und Rommerskirchens Bürgermeister appelliert daher „eindringlich an Bundesregierung und Landesregierung, die Revision des 15. August 2026 als das zu verstehen, was sie sein muss: eine ergebnisoffene Überprüfung anhand objektiver Kriterien – und nicht die bloße Bestätigung eines bereits feststehenden Zeitplans.“
Und: „Ich tue dies nicht, um den notwendigen Wandel aufzuhalten. Ich tue es, weil ich überzeugt bin, dass dieser Wandel nur dann dauerhaft erfolgreich sein kann, wenn Versorgungssicherheit, wirtschaftliche Vernunft, kommunale Handlungsfähigkeit und Klimaschutz gleichermaßen berücksichtigt werden. Die Menschen im Rheinischen Revier haben über Generationen hinweg Verantwortung für die Energieversorgung Deutschlands übernommen. Sie dürfen erwarten, dass nun auch der Umbau dieses Energiesystems mit derselben Verantwortung, Weitsicht und Verlässlichkeit erfolgt.“

